
Der magische Kreis
Zuerst muss ich vorausschicken, dass einen magischen Kreis zu ziehen, keineswegs eine überall und immer praktizierte Übung ist, die unumstößlich zum Repertoire von allen Hexen und Zauberern gehört. Es gibt komplette Traditionen, die darauf dankend verzichten und trotzdem ihre Ritualarbeit erledigen.
Da viele einschlägige Bücher allerdings wiccaorientiert sind oder Versionen der immer gleichen 1x1 Lektionen, entsteht der Eindruck, dass dies einfach so sein müsse. Genau wie die obligatorischen vier magischen Werkzeuge und derlei andere Dinge.
Also noch mal, das sind alles nur Möglichkeiten. Arten wie man mit Magie arbeitet. Kein unveränderbares Dogma.
Auch wenn diese Methoden ihre Vorteile haben.
Der Kreis von dem hier die Rede ist, unterscheidet sich sehr von dem Bannkreis des mittelalterlichen Geisterbeschwörers.
'Unser' Kreis dient dazu die beschworenen Energien zu sammeln und zusammenzuhalten, bis sie für den vorgesehenen Zweck losgelassen werden.
Der Kreis des mittelalterlichen Magiers sollte die beschworenen Dämonen draußen halten.
Natürlich hat auch unser Kreis eine Schutzfunktion, allerdings ist es auch so, dass ein Kreis voller Energie eben schon die eine oder andere Wesenheit anziehen kann, die gern was davon ab hätte. Sagen wir so, er erregt Aufmerksamkeit und deshalb sollte man schon wissen was man da tut.
Zuallererst, der Kreis ist kein Kreis. Er ist vielmehr eine Kugel, die uns von allen Richtungen umgibt. Diese Kugel schneidet einen Raum aus der Realität, in dem wir unsere Arbeit tun können - man nennt das gerne 'zwischen den Welten'.
Wie
bildet man diese Kreis-Kugel?
Man visualisiert sie. Das ist die einfachste Methode. Wer das große Kino bevorzugt, nimmt ein Schwert oder einen Dolch und geht herum um dieses Stück Realität auszuschneiden. Es läuft auf das gleiche hinaus.
Was ist mit den Kreisvierteln und den Elementen?
Die vier Elemente und die Kreisviertel kommen aus der zeremonialmagischen Tradition.
Es gibt Traditionen, die wesentlich mehr Elemente und Richtungen kennen und benutzen. Die Feentradition z.B. benutzt sieben Richtungen. Neben Norden, Osten, Süden und Westen, gibt es noch das Oben, das Unten und die Mitte. In nordisch geprägten Traditionen ist Eis ein Element. In indianischen Traditionen sind die Elemente anderen Himmelsrichtungen zugeordnet als in westlichen.
Also auch hier - kein Dogma.
Was geschieht also genau, wenn man die Kreisviertel anruft?
Das hängt davon ab, was man sagt. Niemals vergessen, dass Worte eine Bedeutung haben und man sollte die Bedeutung immer über einen schönen Reim stellen.
Ich kann z.B. den Norden anrufen mit den Worten: 'Element Erde, komm in meinen Kreis.'
So, was habe ich eingeladen? Das eigentliche Element der Erde.
Das kann für Meditationen oder das Pflanzen von Kräutern sinnvoll sein. Könnte einem aber auch bei Feuer einen Schwelbrand und bei Wasser einen Rohrbruch bescheren.
Sage ich aber ganz pauschal "Mächte der Erde, kommt in meinen Kreis", wird es schon schwierig, das ist entschieden zu undefiniert. Damit könnte alles vorbei kommen, was grade Lust dazu verspürt. Von einem Erdbeben bis zu einer Horde Gnome.
Das Problem wird verständlich?
Ich muss mich - wenn ich schon dieses System benutze - entscheiden, was ich zu welchem Zweck herbei bitte.
Sage ich: "Erde, Kraft des Wachstums und der Heilung tritt in meinen Kreis" habe ich genau definiert welche Eigenschaft des Elementes und des Quartals ich benötige.
Oder ich rufe gezielt die Elementare der Himmelsrichtung: "Gnome der Erde kommt herbei". Das ist mit Vorsicht zu genießen. Wer weiß ob man die Gesellen alle wieder los wird? Und ob sie alle gutgelaunt und wohlgesonnen sind?
Was ist jetzt mit den Wachtürmen/Wächtern?
Diese Gestalten kommen aus der henochischen Magie, man kann sie vage als Sternen - oder Engelskräfte beschreiben. Die Wächter - so du sie zum Bewachen deines Kreises da haben möchtest - lädt man sinnvollerweise nicht in den Kreis ein, denn was sollen sie da tun? Teetrinken? Däumchendrehen?
Nein, diese Herrschaften bittet man herbei um den - bereits bestehenden Kreis - zu bewachen und gegen Eindringlinge zu verteidigen. Es ist nicht immer nötig, die Wächter zu bemühen, es gibt allerdings Unterfangen, bei denen es ratsam ist sich die Hilfe dieser Kriegerenergien zu holen.
Eine Einladung kann so lauten: "Wächter des Nordens, ich bitte dich herbei um meinen Kreis zu beschützen und zu verteidigen."
Damit mach ich klar was ich will, damit stehen die Wächter um meinen Kreis herum, nach außen gewandt und können aufpassen.
Bei allem was man in dieser Hinsicht tut, kann ich nur zu Respekt und Höflichkeit raten. Ein "Hey, schafft euren Hintern hierher und tut, was ich euch sage", könnte einem die Entsprechung zu einer Ohrfeige oder aber völliges Ignorieren von Seiten der Höheren Mächte einbringen.
Bevor man einen Kreis bildet, sollte man sich also überlegen, zu welchem Zweck er dient, ob man alle Elemente benötigt, ob man wirklich die Wächter braucht und mit welchen Worten man diese Kräfte einlädt.
Wenn man ihn nun gebildet hat, kann man in seinem Schutz meditieren, Rituale durchführen, beten, zaubern, was einem nötig erscheint. Hat man sein Vorhaben beendet, sollte man auch den Kreis rückgängig machen und die geladenen 'Gäste' verabschieden. Zuerst leitet man die überschüssige Energie der Arbeit, die man verrichtet hat, in die Erde. Dann sollte man alle Elemente, Wächter oder was man auch immer herbei gebeten hat, wieder ebenso höflich und mit einem Dank verabschieden. Manche lösen den Kreis auf, in dem sie ihn abermals abgehen und sich vorstellen, wie die Energie zurück in ihren Dolch fließt. Man kann auch visualisieren, wie die Kugel dünner wird und sich auflöst.
Wenn
man das alles nicht tut, können Energierückstände die Atmosphäre auf gut deutsch
gesagt versauen. Man fühlt sich gereizt und unwohl und es kann einige Tage
dauern, bis es wieder gemütlicher wird. Im allerschlimmsten Fall könnte auch
irgendeine Wesenheit weiter herumhängen. Notfalls empfiehlt sich eine
ordentliche Räucherung mit Weihrauch, Beifuß und/oder Salbei. So etwas klärt den
Raum wieder, man fühlt regelrecht, dass es 'heller' wird.
Damit will ich keinem Angst machen. Das soll nur aufzeigen, dass eine magische Handlung wie einen Kreis zu schlagen auch Konsequenzen und Verantwortung beinhaltet.
Kreisarbeit macht aber auch Spaß. Tatsache - und wenn man es ausprobieren möchte, sollte man sich nach entsprechender Vorbereitung auch nicht abhalten lassen.
(c) Amaya, geschrieben für Schattenmond im Februar 2006
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