Nebelmond

 

 

Lautlos brach die Nacht herein. Novembernacht.

Dunst zog über die Wiesen, er kühlte ab und Nebel hing über dem stillen See.

Nicht einmal die kleinen Tiere der Felder regten sich. Die Stille wob aus dem Blauschwarz der Nacht einen Stoff, den man auf der Haut spüren konnte, feuchter Seide gleich.

 

Gekleidet in diesen Mantel der Nacht, und nur darin, ging eine silbrige Gestalt durch den Wald. Sie machte kein Geräusch, ganz wie ein Nebelschleier, kühl und unantastbar, doch getrieben von einem Feuer in ihrem Innern, das sie, wenn sie hätte sprechen können, als das Feuer heißen Fleisches, noch rot vom Blut der Leidenschaft, beschrieben hätte. Getrieben vom Hunger in ihrem Herzen suchte sie. Ging achtlos und doch zielstrebig und keinen Laut verursachend. Äste griffen nach ihrem Haar, liebkosten es und ließen es wieder los. Blätter und Zweige streiften ihre Haut mit sanften Gesten. Ein Wind kam auf, einer Laune gleich, und ebenso launenhaft wandte sie ihre Schritte in die Richtung, aus der er wehte. Ihr Haar war zu lang und zu schwer, als dass mehr als ein paar Strähnen im Lufthauch wehten. Weiß wie der Nebel, umspielte es ihren Körper wie einen Umhang.

 

Lichter durchdrangen den Novembernebel. Eine Jagdhütte befand sich auf einer Lichtung. Sie verharrte. Ohne zu denken, wusste sie, begriff sie, dass dort Leben und Wärme war. Als sie ihren Weg fortsetzte, drangen Stimmen aus der Hütte zu ihr herüber. Sie wusste ohne zu wissen, dass dort raue Scherze von rauen Jägern getrieben wurden und dass sie betrunken waren. Die Tür der Jagdhütte öffnete sich und so wie die kalte Nacht die Wärme vertrieb, so schien das Schweigen der Nacht den Lärm zu vertreiben.

Das Gelächter verstummte und die verblüfften Männer starrten sie ungläubig an. Sie kannte die Worte nicht, aber sie wusste, dass der nächste Ausdruck in den dunklen Tieraugen dieser Menschen Begierde sein würde.

Sie hörte die Worte, aber nur wie ein Mensch dem Gespräch von Vögeln zu lauschen vermag, ohne zu verstehen. Sie ließ geschehen, was geschah. Man zog sie herein, legte ihr eine Decke um die nackten Schultern und redete auf sie ein. Sie nahm das Glas Wein, diesmal kannte sie das Wort im Geiste. Sie erinnerte sich. Wein hatte sie schon einmal bekommen. Er war warm und er wärmte - ein wenig. Als die Zeit fortschritt, schien in ihrem Geist eine Feder einzurasten und mit diesem Einrasten kehrten die Worte zurück.

„Armes Vögelchen! Was machst du nackt und allein im Wald?“ fragte einer der Männer.

'Scheinheilig' war das Wort, das ihr einfiel, als sie den Ausdruck in seinen Augen sah.

Dann sprach sie zum ersten Mal.

„Verirrt.“ war das Wort.

„Verirrt?“

Sie nickte.

„Hör auf, auf sie einzureden. Siehst du nicht, dass sie einen Schock oder so was hat?“

Das war der jüngere der beiden Männer.

'Diesen.' dachte sie ohne zu wissen, wofür sie ihn ausgewählt hatte.

Der ältere der beiden leckte sich nervös über die Lippen. „Hör mal... du solltest vielleicht zum Dorf gehen und Hilfe holen. Einen Arzt oder so...“ Der Jüngere starrte ihn an. Der Ausdruck in den Augen seines Kumpels gefiel ihm nicht. Der sah auf. „Was? Was glaubst du denn? Ich tu ihr schon nichts. Du läufst schneller als ich es kann. Also los. Frag im Dorf nach, ob man dort jemanden vermisst. Wenn der Arzt da ist, bring ihn her.“

Sie beobachtete wie die Worte von seinen Lippen tropften. Tollkirschsaft, dunkel und giftig.

Zornig zog der Junge seine Jacke an und verließ die Hütte.

 

„So, endlich. Die jungen Leute haben keinen Charakter mehr. Nicht wahr?“ Sie lächelte. „Nein.“ Wieder leckte sich der Mann die Lippen, sehr aufgeregt, sie konnte es riechen. „Und... die jungen Männer... sie haben auch keine...“ er lachte nervös, „ Erfahrung.“ Sie lächelte immer noch, ließ die Decke fallen. „Nein.“ sagte sie wieder. Sie erinnerte sich. Man brauchte nicht viele Worte.

 

Die rauen Hände des Mannes fuhren über ihre Haut. Er war so erregt, dass er nicht spürte, wie kalt diese weiße Haut war. Kalt und fest wie Marmor. Er zog sie grob an sich und presste seinen Mund auf ihre schneekalten Lippen. Sie spürte die Hitze seiner Hände, seines Atems, seines Körpers und sie brauchte die Wärme. Sie trank die Wärme. Trank alles aus.

 

Er hatte erst den halben Weg zurückgelegt, obwohl er sich beeilte, die Frau allein in der Hütte zu lassen, bei diesem Idioten, das hatte ihm gar nicht gefallen. Wütend vor sich hinmurmelnd stapfte er durchs Unterholz.

Zuerst entging ihm die Bewegung. Doch beim zweiten Mal sah er den hellen Schemen und blieb stehen. Er starrte auf das Leuchten in den dunklen Schatten. Sie kam zu ihm.

„Was ist passiert? Wieso bist du hier? Hat er...?“ Sie legte die Finger auf seine Lippen.

„Pscht.“ wisperte sie. Bei ihm waren es noch weniger Worte, die es brauchte. Aber es war mehr als Wärme, was sie wollte. Er starrte in ihre violetten Augen. Sie waren tief und dunkel und .... tot.

Er wich zurück. Sie folgte ihm. Bis er nicht mehr ausweichen konnte. Bis er an den breiten Stamm eines Baumes gedrückt stand und sie ihren schlanken Körper gegen seinen presste. Ihre Finger lagen an seinen Schläfen, Kälte floss von ihnen in seinen Kopf, er konnte nicht mehr sprechen.

'Was bist du?' dachte er voller Angst. Er konnte spüren, wie seine Wärme aus ihm wich, sein Leben und mehr. Seine Seele, sein Selbst floss von ihm, floss in ihren Körper. Alles was er war, sein ganzes Sein. Er hätte geschrieen, wenn er es gekonnt hätte.

 

Er sah, wie das, was einst ein Körper gewesen war, leblos zu Füßen eines Baumes niedersank. Es berührte ihn nicht. Er war nackt, aber noch wärmte ihn das Echo des lebendigen Fleisches.

Während der nebelbleiche Mann seine achtlose zielstrebige Wanderung durch den Wald aufnahm, wich allmählich die Wärme und mit ihr die Erinnerung. Alles was blieb war der Hunger in seinem Herzen.

 

 

(c) Amaya 1998

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