Waffen zur Zeit des Hundertjährigen Krieges

 

 

Frankreich, 1356: So könnte der Dauphin in die Schlacht von Maupertuis gezogen sein. Als zukünftiger König ist Charles nach der neuesten Technik und Mode gerüstet. Unter dem engen Wappenrock mit den Farben Frankreichs trägt Charles einen Plattenrock (‚coat-of-plates’) sowie ein Kettenhemd. Während die Arme durch Röhren aus Vollplatte geschützt sind, werden seine Beine durch eine Kombination von Stoff, gehärtetem Leder und Metallschienen bedeckt. Als Kopfschutz trägt Charles eine Beckenhaube mit hochgeklapptem Hundsgugel-Visier, Hals und Gesicht werden zusätzlich durch Kettengeflecht geschützt.[i]

Knapp achtzig Jahre später: William Philip, Lord Bardolf, zusammen mit dem Earl von Warwick, Richard Beauchamp – beide in Rüstungen aus Vollplatte. Philip trägt eine Rüstung mit ausgeprägter, zweigeteilter Brustplatte und hohem Kragen. Beauchamps Rüstung würde auch in den Rosenkriegen des späten 15. Jahrhunderts nicht auffallen, was daran liegen mag, dass der Maler sich von seiner Grabstatue inspirieren ließ. Auch hier sind die Leistenplatten zurückgetreten. Auf der rechten Brust ist ein ‚arrète’ zu erkennen, eine Vorrichtung, um das Gewicht der Lanze abzufangen.[ii]

 

Es verwundert kaum, dass gerade in der Zeit des Hundertjährigen Krieges viele Innovationen im Waffenbereich auftraten. Dabei umfasst der Begriff ‚Waffen’ eine große Anzahl unterschiedlicher Gegenstände, deren Zweck darin besteht, einem Gegner physischen Schaden zuzufügen oder aber diesen Versuch des Gegners abzuwehren bzw. abzuschwächen. Die erste Kategorie wird als Trutzwaffen, die zweite als Schutzwaffen bezeichnet.[iii] Dieser Gliederung lassen sich noch die Punkte ‚Schuss- und Wurfzeug’ (Ballisten, Wurfmaschinen, Feuerwaffen) sowie ‚Geräte’ (Transportmittel, Werkzeuge, Kriegsmaschinen) beiordnen.[iv]

Unter Schutzwaffen fasst man im allgemeinen die Unterpunkte Körperpanzerung, Helme und Schilde zusammen.

Gerade im Bereich der Körperpanzerung war das Spätmittelalter von großer Bedeutung. Um die vielfältigen Neuerungen verstehen zu können, muss man ein wenig in der Geschichte zurückgehen.

 

Im Hochmittelalter bestand die Körperpanzerung des Ritters vorwiegend aus verschiedenen Kleidungsstücken aus Kettengeflecht. Hierbei wurden aus Eisendraht gebogene, vernietete, später auch gestanzte oder verschweißte Ringe miteinander verbunden.[v] Hauptrüstungsstück waren hierbei das Kettenhemd (Haubert) mit integrierter Haube, die Beinlinge und die Panzerärmel. Darüber wurde ein Waffenrock getragen.

Infolge neuer Waffen, insbesondere im Bereich der Fernwaffen, kam es zu einem erhöhten Schutzbedürfnis – das Kettenhemd bot keinen ausreichenden Schutz mehr.

Gegen Ende des 13. Jahrhunderts entwickelte man aus diesem Grund den Spangenharnisch, der den Brustbereich wirkungsvoll gegen Angriffe zu schützen wusste. Viele Exemplare haben sich zum Beispiel in den Massengräbern von Visby erhalten.[vi]

Zur gleichen Zeit und mit dem selben Ziel kam der Plattenrock auf, bei dem es sich um ein gerade geschnittenes Gewand ohne Ärmel handelte, auf dessen Innenseite Eisenplatten oder –reifen eingenäht waren, die einen zusätzlichen Schutz bieten sollten. Der Plattenrock wurde über dem Kettenhemd getragen.[vii]

In der Folgezeit wurde diese Art der Rüstung immer weiterentwickelt. Das Kettenhemd verkürzte sich und verlor seine bislang integrierte Kapuze und Fäustlinge. Das Kettengeflecht an Armen und Beinen wurde durch zusätzliche Eisenschienen geschützt, aus denen sich im 14. Jahrhundert geschlossene Röhren entwickelten, um diese exponierten und damit besonders gefährdeten Körperteile möglichst gut zu

schützen. [viii]

 

Der in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts aufkommende Lentner stellt die letzte Übergangsstufe zum körperbetonten Plattenharnisch dar. Wie der Plattenrock handelt es hier um ein Gewand aus Stoff, zum Teil auch aus Leder, an dessen Innenseite Eisenplättchen genäht sind. Im Gegensatz zu früher, war diese Rüstung aber schon körpernah geschnitten. [ix]

 

Als Höhepunkt dieser Entwicklung fertigten Rüstungsbauer aus Oberitalien im späten 14. Jahrhundert den Harnisch.[x]

Er bestand aus mehreren anatomisch geformten Platten, Reifen und Schienen, die den Ritter von Kopf bis Fuß bedeckten und schützten[xi]– eine ‚echte’ Ritterrüstung, wie sie manchem beim Gedanken ans Mittelalter in den Sinn kommt. Die verschiedenen Teile wurden mit Riemen aus Leder am Körper festgeschnallt und waren auch untereinander (durch Riemen und Nieten) beweglich verbunden, weshalb man vom ‚geschobenen Harnisch‘ spricht.[xii]

Ein entscheidender Vorteil gegenüber den ersten Brustplatten war die Wölbung des Brustharnischs.[xiii] Dadurch konnte der Kämpfer einer starken Oberkörperverletzung auch dann noch entgehen, wenn sein Brustkorb zum Beispiel von einem Morgenstern oder einer anderen schweren Waffe getroffen wurde, deren Aufprall das Metall nach innen drückte.

Zu einem kompletten Reiterharnisch gehörten neben der Harnischbrust und dem Harnischrücken ein Visierhelm, der Harnischkragen, Beintaschen, das Armzeug inklusive Schulterschutz und Handschuhen sowie das Beinzeug mit den Schuhen. [xiv]

Brust- und Rückenplatte waren unten mit Reifen (Bauch- bzw. Gesäßreifen) verlängert, die den Bauch- und Leistenbereich schützen, und aus denen sich im zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts der kegelstumpfförmige Tonnenrock entwickelte.[xv] Der Harnischrücken war meist aus mehreren Teilen zusammengesetzt[xvi]. Beim Brustharnisch unterscheidet man ja nach Gestaltung und Zusammensetzung verschiedene Formen (im 15. Jahrhundert etwa Schiffbrust und Kastenbrust).[xvii] In England war die Brustplatte zum Teil im Unterleibsbereich zusätzlich verstärkt. Im Bereich der Taille wurden hier bis zu sieben, mit Lederriemen verbundene Platten eingefügt; auf diese Weise war der Leistenbereich geschützt, ohne die Bewegungsfreiheit der Beine einzuschränken.[xviii]

 

Das Armzeug bestand ab dem 15. Jahrhundert aus einer Armkachel, die den Ellbogen bedeckte und mit einer Unter- und einer Oberarmröhre verknüpft war. In einem später in Italien entwickeltem System wurden zusätzliche Seitenbleche (‚Mäusel’ und ‚Muschel’) angebracht. Um noch größeren Schutz zu gewährleisten, wurde dann bei sogenannten geschlossenen Armzeug die Armbeuge durch ein Geschübe mehrerer Reifen völlig verhüllt.[xix]

Das Beinzeug bestand seit dem frühen 14. Jahrhundert aus den sogenannten Diechlingen mit Kniekacheln (Oberbeinzeug) sowie den Beinröhren samt Eisenschuhen (Unterbeinzeug).[xx]

 

Mit dem Harnisch war der Kämpfer mehr geschützt als je zuvor – doch dies hatte auch seinen Preis. Die Körperpanzerung wurde durch die verschiedenen Neuerungen immer schwerer. Der Träger eines Plattenpanzers war stark in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt und musste ein erhebliches Maß an Kondition aufbringen. Effektiv konnte er nur vom Rücken seines Pferdes aus kämpfen. Gelang es seinem Gegner, ihn aus dem Sattel zu heben, war er auf die Hilfe seiner leichtbewaffneten Schildknechte angewiesen. Kein Wunder – ein vollständiger Harnisch brachte es auf immerhin 25 kg.[xxi] Allerdings war das Gewicht  noch das geringere Übel, mit dem der Ritter zu kämpfen hatte (insgesamt wog die Rüstung nicht mehr als Ausrüstung und Gepäck eines modernen Infanteristen. Auch verteilte sich das Gewicht bei einem Plattenpanzer besser als beim eigentlich leichteren Kettenhemd) – schlimmer war die Erschöpfung aufgrund der großen Hitze und der Luftanstauung.[xxii]

Natürlich war eine solche Rüstung auch nicht billig: Hatte im hohen Mittelalter den Ritter seine Rüstung ‚nur‘ den Ertrag einer Hufe gekostet, musste er nun schon das dreifache dafür aufbringen.[xxiii] Die volle Ausrüstung eines französischen Ritters kostete ihn 125-250 livres tournois – das entsprach sechzehn Monatsgehältern eines einfachen Söldners.[xxiv] Nur die Angehörigen des Ritterstandes waren in der Lage, sich nach der neuesten ‚Mode’ zu kleiden und auch zu rüsten – wobei dies für sie auch wiederum eine gewisse Verpflichtung darstellte.[xxv]

Bei weitem nicht alle Ritter kämpften mit einem Plattenharnisch. Je nach sozialem Rang, finanziellen Möglichkeiten und persönlichen Vorlieben kämpfte man auch weiterhin in einfacheren Rüstungen. Beliebt war zum Beispiel nach wie vor das Kettenhemd und der wattierte Waffenrock, wie ihn auch die Grabstatue des Schwarzen Prinzen, Edward, gest. 1377, zeigt. Andererseits konnten auch viele Ritter eine überaus reichhaltige Ausrüstung ihr eigen nennen. Das Testament des Bertrand Montibus aus dem Jahr 1327 zählte etwa gleich fünf Rüstungen auf.[xxvi]

 

Die Fußkämpfer der Infanterie waren meist weniger aufwendig gerüstet – oft trugen sie Rüstungsteile früherer Generationen  oder von irgendwo zusammengetragene Stücke.

Eine häufige Form der Rumpfpanzerung war die Brigantine, die vom Ende des 14. bis ins 17. Jahrhundert gebräuchlich war. Es handelte sich dabei um eine ärmellose Jacke, die innen mit rechteckigen, sich überlappenden Metallplättchen verstärkt war. Eine Variante dieser Brigantine war die gerade in England sehr verbreitete ‚jack of plate’, deren Besonderheit darin lag, dass die Eisenplättchen durchweg eingenäht waren.[xxvii]

Auch die englischen Bogenschützen waren in der Regel mit einem Kettenhemd oder einer Brigantine gerüstet. Zusätzlich schützten sie sich, indem sie etwa mannshohe, beidseitig angespitzte Holzpfähle vor sich in den Boden rannten, hinter denen sie relativ gut gegen gerittene Angriffe geschützt waren.[xxviii]

 

In Frankreich wurden Paris und Tours zu Zentren der Plattnerei,[xxix] allerdings lagen die besten Werkstätten in Oberitalien (Mailand, Brescia), später auch in Deutschland. In England waren vor allem die Hofwerkstätten in Greenwich bei London für ihre Panzer bekannt. [xxx]

 

Mit dem Harnisch hatte die Entwicklung der Körperpanzerung vorerst einen Abschluss gefunden. In verschiedenen Varianten wurde er bis ins 17. Jahrhundert hin gebraucht. Auch danach wurden einzelne seiner Bestandteile weiterhin genutzt.

 

Zur mittelalterlichen Schutzbewaffnung gehörte auch der Helm, der ebenso wie die Körperpanzerung eine gewissen Entwicklung durchlief.

Der seit dem 9. Jahrhundert getragene Nasalhelm, bei dem ein Stück Metall den Nasenbereich schützt, wurde um 1200 durch ein starres Visier erweitert. Im Nackenbereich wurde er durch das Anfügen einer weiteren Platte verlängert und die Helmglocke etwas abgeflacht, man spricht nun vom sogenannten Topfhelm. Dieser wurde bis ins 14. Jahrhundert getragen, teilweise mit erhöhten Wandungen (Kübelhelm).  Zu dieser Zeit kam auch die leichtere Beckenhaube mit Helmbrünne (Panzerkragen zum Schutz für Hals und Schulter) und beweglicher Nasenschiene auf. Auffällig an ihr war die spitz hochgezogene Helmglocke,[xxxi] an der Schläge auf den Kopf abglitten.[xxxii] Eine Sonderform der Beckenhaube ist die Hundsgugel mit einem aufklappbaren Schnauzenvisier (ab ca. 1370). Während eines Kampfes wurde das Visier meist heruntergeklappt, obwohl der Träger dadurch ein stark eingeschränktes Gesichtsfeld hatte. Um die Luftzirkulation auch bei geschlossenem Helm zu gewährleisten, wurden kleine Löcher integriert. Wahrscheinlich trug auch Henry V bei der Schlacht von Shrewsbury 1403 einen solchen Helm, als er durch einen Pfeil im Gesicht verwundet wurde. Dies würde bezeugen, dass das Visier zum Teil auch während der Schlacht aufgeklappt getragen wurde.[xxxiii] Eine weitere Variante der Beckenhaube war der Grand Bacinet[xxxiv] mit stark gesiebtem Rundvisier und aufklappbarem Kinnschutz (Reff).[xxxv] Im zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts wurde die Beckenhaube von der Schaller verdrängt,[xxxvi] die zusammen mit dem Bart zum typischen Helm eines Ritters wurde.[xxxvii]

 

Die bislang genannten Helmen wurden von berittenen Kämpfern getragen. Die Fußtruppen benutzen seit dem 13. Jahrhundert den Eisenhut, einen leichten Helm mit breiter Krempe, der in verschiedenen Abarten bis ins 17. Jahrhundert getragen wurde.[xxxviii]

 

Zur vollständigen Rüstung gehörte neben dem Helm auch der Schild – allerdings wurde dieser im Zuge der verbesserten Körperpanzerung zunehmend kleiner, um dann gegen 1400 völlig aus der Ausrüstung eines Ritters zu verschwinden.  An Innovationen im Schildbereich sind aber dennoch zwei Formen zu nennen, zum einen die im 14. Jahrhundert aufkommende Tartsche (eventuell vom arabischen ‚darâks’=‚Schild’ abgeleitet) mit ovalem, später rechteckigem Aussehen und der sogenannten ‚Speerruhe’, einem Ausschnitt oben rechts zum Einlegen der Lanze.  Eine weitere neue Schildform war die Pavese (vermutlich Verbindung zur italienischen Stadt Pavia), ein großer, rechteckiger Schild mit herausgewölbtem mittleren Längsgrat. Die Pavese wurde hauptsächlich von Bogen- und Armbrustschützen benutzt, die sich hinter hier regelrecht verschanzen konnten.

Gelegentlich wurde auch eine verkleinerte Form des Rundschildes, die Rondache, benutzt, bei der es sich um einen gebuckelten Faustschild (englisch ‚buckler’) von ca. 30cm Durchmesser handelte, der zur Parade bei Schwertkämpfen verwendet wurde, [xxxix] aber auch, um den Gegner zu schlagen und zurückzudrängen.[xl]

 

Auch die Offensiv-Waffen lassen sich weiterhin unterteilen, wobei es hier verschiedene Systeme gibt und eine strikte Trennung auch nicht in jedem Fall möglich ist. Eine mögliche Unterteilung ist die in Fern- und Nahkampfwaffen.[xli] Eine weitere Möglichkeit wäre die Unterscheidung von stumpfen und scharfen Waffen (Blankwaffen).[xlii] Im folgenden wird nach Hand-, Fern- und Stangenwaffen unterschieden.

 

Zu den Handwaffen gehören unter anderem das Schwert, der Dolch, die Keule und die Lanze.

 

Neben der Lanze blieb das Schwert die beliebteste Waffe des Ritters. Ganz allgemein versteht man unter einem Schwert eine Blankwaffe mit einer geraden Klinge, die entweder ein- oder zweischneidig ist. Sie kann vorn spitz oder abgestumpft sein. Ein Schwert kann zum Hieb oder zu Hieb und Stoß verwendet werden.[xliii]

Generell setzt sich ein Schwert aus zwei Teilen zusammen: Der Klinge und dem Griff, der wiederum aus Knauf, Griffholz und Parierstange besteht. Die Verbindung zwischen Klinge und Griff wird als Angel bezeichnet. Der Querschnitt einer Klinge kann verschiedene Formen annehmen: sechskantig, dreieckig, gestreckt-oval oder rautenartig. Sie kann beidseitig in der Mitte gekehlt oder mit mehreren schmalen Längsrillen versehen sein, wobei diese ‚Blutrinnen’ den Zweck hatten, das Gewicht der Waffe zu reduzieren.[xliv]

Das Schwert ließ sich nicht entscheidend verbessern.[xlv] Im späten Mittelalter verwendete man meist spitze Klingen mit einem rautenförmigen Querschnitt, mit denen man auch in die Fugen einer Plattenrüstung eindringen konnte.[xlvi]  Durch Verbesserungen in der Schmiedetechnik und neue Produktionsverfahren gelang es, Schwerter mit spitzen und beidseitig geschliffenen Klingen herzustellen, die sowohl zum Hieb als auch zum Stoß geeignet waren und einen Wechsel der Hiebseite ermöglichten. Allerdings erforderte ein solches Schwert nicht nur hohe Handwerkskunst bei der Herstellung, sondern auch große Fertigkeiten beim Umgang mit ihm, die nur durch Talent und regelmäßiges Training zu erwerben waren. Möglichkeit für eine qualifizierte Schulung und genügend freie Zeit zum Üben aber stellten Voraussetzung dar, zu denen nur bestimmte soziale Schichten Zugang hatten.[xlvii] Bildquellen zeigen, dass Ritterschwerter meist einhändig geführt wurden. Zuweilen sieht man aber, dass der Kämpfer seine zweite Hand auf den Griff oder auch die Klinge legt. Dies beweist, dass die Klingen nicht extrem geschärft, sondern eher stumpf waren.[xlviii] Eine stumpfe Klinge war leichter zu pflegen und vermochte zudem auch grausamere Wunden zu schlagen als ein scharfes Blatt.

 

Das Schwert eines Ritters war meist eine Einzelanfertigung – und bei der Herstellung musste sorgfältig abgewogen werden, wie und in welcher Weise es benutzt werden sollte. Ein Schwert, das für alle Gelegenheiten gleich gut einsetzbar war, war eine Utopie – und kam höchstens in den mittelalterlichen Mythen vor wie ‚Balmung’, das Schwert Siegfrieds aus dem Nibelungenlied.[xlix]

 

Bereits im 14. Jahrhundert kamen Fingerbügel auf, die zum Schutz des über die Parierstange gelegten Zeigefingers dienten.

Während ein ‚normales’ Schwert etwa 75-90cm maß, hatte ein mittelalterliches Reiterschwert in der Regel eine Länge von um die 120cm. Damit hatte diese Waffe zwar eine relativ große Reichweite, eignete sich wegen ihrer Größe eher zum Hieb als zum Stoß.[l] Besonders in Frankreich war es deshalb eine Zeit lang Mode, ein kurzes Stoßwert am Gürtel zu tragen und ein längeres Hiebschwert, das sogenannte Sattelbaumschwert, am Sattel zu befestigen. Auf das Kurzschwert allein beschränkten sich eher Fußsoldaten, vor allem aber die Bogner, die es für den Notfall mit sich trugen.[li]

Als Sonderform des Schwertes kam im 14. Jahrhundert der Bihänder (Anderthalbhänder) auf. Diese bis zu 1,80m lange Waffe wurde hauptsächlich von Fußsoldaten eingesetzt, um sich gegen die zumeist mit Spießen bewaffnete Front des Gegners durchzusetzen.[lii]

 

Die Schwertscheide wurde in England bis ca. 1400 horizontal auf den Hüften (nicht in Höhe der Taille wie moderne Gürtel) getragen, danach auch diagonal von der rechten Taille zur linken Hüfte. Sie konnten reich verziert sein und trugen oft einen religiösen Wahlspruch.[liii]

 

Die zweite typisch ritterliche Waffe war die Lanze, die im Spätmittelalter eine Länge von ca. vier Metern hatte und aus Esche, Buche oder Tanne gefertigt war. Das Blatt war zwei- oder vierkantig. Die Lanze war schon seit der Antike als Reiterwaffe bekannt, doch erst durch die Einführung des Sattels (5. Jahrhundert) und des Steigbügels (7. Jahrhundert) erreichte sie ihre durchschlagende Wirkung. Die Lanze war eine Waffe, die sich in eine Richtung orientierte und ganz auf den Moment des Aufpralls stützte – Ziel war ein einziger, vernichtender Schlag. Erreichte der Ritter dieses Ziel nicht beim ersten Angriff, war es sehr schwer, sich schnell erneut auf das Ziel zu konzentrieren.[liv] Die englischen Ritter nutzen die Lanze demnach nur beim ersten Angriffsritt, um dann abzusteigen und mit dem Schwert weiterzukämpfen.

Die Innovationen im Lauf des Spätmittelalters hingen insbesondere mit der Einsatzart der Waffe zusammen. Um einen möglichst kräftigen Stoß auszuführen, versuchte der Angreifer, die Lanze fest unter seinem Arm einzuklemmen. Dies war aber zum einen sehr kräftezehrend, zum anderen konnte möglicher Aufprall kaum abgefangen werden. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts montierte man deshalb einen Rüsthaken auf den Brustharnisch, auf dem die Lanze aufgelegt werden konnte. Auf diese Weise ließ sich das – durch Länge und massiven Bau doch beträchtliche - Gewicht der Lanze etwas abfangen. Um die Waffe leichter zu machen, versah man den Schaft auch mit Einkerbungen.  Um 1400 wurde die Brechscheibe eingeführt, ein metallener Trichter vor dem Griff, der die Hand für den (seltenen) Fall schützte, dass die Lanzen aneinander abglitten.[lv]

 

Diese beiden Waffen waren die typischen Ritterwaffen. Ab dem 14. Jahrhundert wurden auch immer öfter Äxte, Kolben und Reiterhämmer, später auch Hand- und Faustrohre geführt.[lvi] Gegen Ende des 13. Jahrhunderts wurden auch Dolche immer beliebter, sowohl bei den Rittern als auch beim Fußvolk. Besondere Formen waren hierbei der Schweizer-, der Nieren- und der Scheibendolch sowie der Basilard. [lvii]

 

Den Einsatz von Streitkolben, Streithammer und Morgenstern kann man als Reaktion auf die verbesserte Körperpanzerung verstehen. Diese gefürchteten Waffen hatten sich im Laufe des 13. Jahrhunderts aus der Keule entwickelt und erfreuten sich gerade im 14. Jahrhundert einer großen Beliebtheit: Mit ihnen konnte man zwar keinen Plattenpanzer durchschneiden, aber die Wucht des Aufpralls konnte böse Prellungen und Knochenbrüche verursachen und den Gegner aus dem Gleichgewicht bringen. Der Streitkolben bestand aus einem eisernen Schaft mit einem sehr unterschiedlich ausfallenden Kopf aus Metall, der zum Teil mit Dornen, Rippen und anderen scharfkantigen Ausbuchtungen versehen war. Der Morgenstern gehörte aufgrund seiner Unberechenbarkeit (auch für den Angreifer) zu den gefürchtetsten Waffen und war zunächst als unchristliche Waffe verboten. Es handelte sich um einen soliden Eisen- oder Holzschaft von ca. 40cm Länge, an dem eine Kette mit einer schweren, mit Noppen oder Dornen besetzten Stahlkugel befestigt war.[lviii] Bei den englischen Rittern setzte sich auch zunehmend die Stabaxt durch, mit der man versuchte, den Kopf des Gegners zu zertrümmern. An ihrem Blatt war ebenfalls ein Dorn befestigt.[lix]

 

Zu den im Spätmittelalter relevanten Fernwaffen zählen vor allem die Langbogen und die Armbrüste.

Der Bogen gehört mit zu den wichtigsten Erfindungen der Menschheit. Allgemein gesehen besteht er aus einer elastischen Holzrute, an deren Ende eine Sehne eingehängt wird. Spannte man die Sehne, wurde dabei Energie gespeichert, die sich beim Abschuss kontrolliert als Bewegungsenergie für den Pfeil freisetzen ließ. Nach ihrer Zusammensetzung unterscheidet man einfache Holzbögen und sogenannte Kompositbögen, die aus Holz, Horn und Tiersehnen zusammengesetzt sind. Letztere setzten sich aber aufgrund ihrer Wetterempfindlichkeit in Westeuropa nicht durch. Zudem gab es hier auch ausreichende Vorkommen an für den Bogenbau geeignetem Holz, wie etwa Esche, Ulme, Eibe oder Eiche. Die Begegnung mit den sehr effektiven muslimischen Bogenschützen zur Zeit der Kreuzzüge führte gerade in England und Nordfrankreich, aber auch in den Niederlanden, dazu, Bogenschützen in die Armeen aufzunehmen. Im 14. Jahrhundert stellte Frankreich auch eigene Abteilungen mit berittenen Bognern auf, die sich allerdings als wenig effektiv erwiesen. Der Bogen wurde aus mehreren Gründen nie zu einer ritterlichen Waffe: Zum einen brachte ein Bogen, dessen Länge durch die Verwendung vom Pferderücken aus sehr eingeschränkt war, nicht genügend Leistung, zum anderen hätte ein berittener Bogenschütze weitestgehend auf Rüstung verzichten müssen, um beweglich genug zu sein.

Auch waren die Pferde, die man speziell für den schwergepanzerten Frontalangriff mit der Stoßlanze herangezüchtet hatte, für einen solchen Einsatz ungeeignet. Hinzu kam, dass es nach ritterlichen Vorstellungen als unehrenhaft angesehen wurde, seinen Gegner aus der Ferne zu töten, statt ihm auf dem Schlachtfeld entgegenzutreten, und dass die Ritterschaft sich schlichtweg weigerte, anderen als den traditionell von ihnen geführten Waffen einen militärischen Wert zuzusprechen. Nach den Niederlagen von Crécy, Poitiers und Agincourt sprachen die französischen Ritter demzufolge auch von Verrat innerhalb der eigenen Reihen – die Überlegenheit der englischen Langbogen konnten sie nicht eingestehen.  Für die Entwicklung des Bogens und seinen Einsatz in der Schlacht waren maßgeblich die Engländer verantwortlich, die schon im 13. Jahrhundert bei der Unterwerfung von Wales entsprechende Erfahrungen gesammelt hatten. Der englische Langbogen war ursprünglich an die Körpergröße seines Besitzers angepasst, erreichte im 14. Jahrhundert aber eine Länge von bis zu über zwei Metern. Er wurde meist aus Eibenholz mit einer Sehne aus Hanf oder Seide hergestellt und verschoss Pfeile von 90cm Länge mit lanzett- oder rhombenförmigen Eisenspitzen. Der Pfeilkörper war meist aus Birke oder einem anderen weichen Holz und an seinem Ende mit drei Vogelflügelfedern besetzt. Der Umgang mit dem Langbogen erforderte jahrelanges Training. Aus diesem Grund wurden die englischen Männer im Jahr 1327 per königlichem Befehl zum Üben angehalten. Schon 1332 hatte der englische König sich dadurch eine Gruppe ausgezeichneter Bogenschützen herangezogen, die innerhalb einer Minute sechsmal ein knapp 200m entferntes Ziel trafen. Für den Einsatz beim Kampf auf offenem Feld ging man dazu über, in Salven zu schießen. Durch die verbesserte Rüstung im 14. und 15. Jahrhundert wurden die Durchschlagskraft der Geschosse (nach modernen Experimente kann man mit einem Langbogen in fast 200m Entfernung ein Eichenbrett von 2,5cm Dicke durchschlagen) und die Treffgenauigkeit der Schützen, um die Schwachstellen der Plattenpanzer zu treffen, zu wichtigen Aspekten. In Crécy erreichten die Bogner diese Ziele – und das bei einer Geschwindigkeit von zwölf Pfeilen pro Minute.  Das bedeutet, dass in dieser Schlacht bis zu 144.000 Pfeile in nur zwei Minuten auf die Franzosen niedergegangen sein könnten.[lx]  Diese Brillanz der englischen Bogenschütze ließ den Langbogen trotz der Erfindung der Handbüchse bis ins späte 16. Jahrhundert in Gebrauch bleiben.[lxi]

 

Immer beliebter wurde im Spätmittelalter auch die schon dem 10. Jahrhundert gebrauchte Armbrust – obwohl sie gleich zweimal durch die Kirche verboten worden war.[lxii] Man kann sie als die erste ‚echte’ Schusswaffe bezeichnen, da sie ihre Projektile aus eigener Kraft verschoss. Unter einer Armbrust versteht man einen quer auf einem Schacht befestigten Bogen mit einer Führungsrinne für den Bolzen. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts wurde der bislang hölzerne, durch einen stählernen Bogen ersetzt. Gleichzeitig wurden mechanische Spannhilfen erfunden: Die sogenannte englische Winde und das deutsche Zahnstangengewinde, durch die man die Schussgeschwindigkeit auf bis zu drei Schuss pro Minute heraufsetzen konnte. [lxiii] Beim Einsatz während einer Belagerung kamen auch stationäre Spannböcke und –bänke zum Einsatz. [lxiv]

Aufgrund einer stärkeren Sehne hatte die Armbrust eine höhere Durchschlagskraft als der Bogen, ihre volle Gewalt entfaltete sie auf ca. 140-160m Distanz. Auf kurze Entfernung konnte sie fast jede Rüstung durchschlagen.[lxv] Trotzdem behauptete sich der Bogen weiterhin, weil er schneller zu bedienen war, immerhin brauchte ein Armbrustschütze im Gefecht zwei Helfer: Einen, der eine zweite Armbrust nachlud, und einen, der ihn währenddessen mit dem Schild schütze.[lxvi] Vorteil der Armbrust aber war ihre einfache Bedienung, die nicht wie beim Bogen permanentes Üben voraussetzte, und die weniger kraftaufwendige Handhabung (vor allem nach Aufkommen der Winden- und Hebelkonstruktionen). Die Armbrust war die erste Waffe, deren Wirkung nicht auf der Stärke und Gewandtheit des Kriegers beruhte.

Die Armbrust musste nicht freihändig abgeschossen werden, sondern konnte abgelegt werden, was ihre Treffsicherheit erhöhte. (Allerdings haben wir gesehen, dass die trainierten englischen Bogenschützen mit der Treffgenauigkeit keine Probleme hatten.)  Ein deutlicher Pluspunkt für die Armbrust war hingegen ihr geringer Platzanspruch, weswegen sie häufig bei der Verteidigung befestigter Plätze eingesetzt wurde.[lxvii] Entscheidend beim Einsatz von Armbrustschützen war aber auch der Kostenfaktor, da sich die Verpflegung dieser Männer als äußerst kostspielig erwies. Mit dem Geld, mit dem man einen Armbrustschützen mit Nahrungsmittel versorgte, konnte man später zehn Musketiere aushalten, und bis heute tragen die Gardisten am Buckingham-Palace den Beinamen ‚beef-eater’ als Erinnerung an diese Zeit.

 

Die Stangenwaffen waren eine absolut eigenständige Entwicklung des späten Mittelalters, die sich aus der Unterlegenheit des Fußvolks gegenüber den schwer gepanzerten Rittern ergeben hatte.[lxviii] Sie wurden daher im allgemeinen auch weniger von berittenen Kriegern als von Fußsoldaten benutzt. Zu ihnen gehören zum Beispiel Halmbarte, Glefe und Korseke.

Die ursprünglichste mittelalterliche Stangenwaffe aber war der Spieß, ein ungefähr mannshoher Holzstab mit einer blattförmigen Metallspitze.[lxix]

Die Halmbarte (auch: Hellebarde) war als erste Stangenwaffe nicht nur zum Stoß, sondern auch zum Hieb geeignet. Sie wurde im 13. und 14. Jahrhundert entwickelt. Die Bezeichnung setzt sich aus den Begriffen ‚Halm’ = ‚Stange’ und ‚Barte’ = Beil zusammen. Die Halmbarte war demnach eine Art verlängertes Beil, wobei der scharfen, leicht gebogenen Schneide oft noch ein Haken gegenüberlag, mit dessen Hilfe auch ein Plattenpanzer durchschlagen werden konnte.  Die Griffstange war meist aus Eschenholz, ihr Querschnitt nicht rund, sondern vierkantig, um einen besseren Halt zu gewähren.[lxx]

Die über zwei Meter lange Glefe war im 15. Jahrhundert vor allem in Frankreich verbreitet.  Ihre einschneidige und spitz zulaufende Klinge konnte bis zu 60cm lang sein und trug mitunter einen zusätzlichen Dorn am breiten Rücken.[lxxi] Zum Teil wurden auch Bogenschützen mit Glefen ausgerüstet. [lxxii]

Die Korseke oder Runka wiederum zeichnete sich durch schräge Spitzen an der Klingenbasis aus. Sie wurde allerdings eher im südlichen Europa eingesetzt.[lxxiii]

 

Im gesamten Mittelalter wurden auch immer wieder Gegenstände des Alltags als Waffen zweckentfremdet, wie etwa Dreschflegel und Sense, bei denen es sich ursprünglich um Erntegeräte handelte. Nach Meinung einiger Forscher sind auch Waffen wie der Morgenstern oder die Schlachtgeißel als provisorische Waffen in diesen Zusammenhang zu stellen.[lxxiv]

 

Nicht nur der Kampf auf offenem Feld, sondern auch die Belagerung von befestigen Städten war während des Hundertjährigen Krieges von großer Bedeutung. Hier kamen zum einen das sogenannte Schuss- und Wurfzeug (zu dem auch die Feuerwaffen zählen), zum anderen die Kriegsmaschinen zum Einsatz.

 

Zum Schusszeug gehörten die Ballisten (große Armbrüste) sowie die Springolfe und Malleoli (Schnepper, mit denen große Brandpfeile verschickt wurden) zusammen.

Die große Wallarmbrust, mit der man bis zu 75cm lange Bolzen verschoss, wurde als stationäre Waffe auf Stadtmauern oder Belagerungstürmen eingesetzt. Ihr aus Horn oder Stahl gefertigter Bogen war bis zu 4m lang und auf einem dreibeinigen Untergestell beweglich montiert, konnte aber auch auf einem Karren festgemacht sein. [lxxv]

Allen Ballisten gemeinsam war ein schwerer, senkrechter Rahmen aus Holz, der durch zwei Balken unterteilt war. An den äußeren Seitenteilen waren Spannbuchsen eingelassen, über die mehrere Sehnenstränge liefen. Dazwischen wurden zwei Holzbalken geschoben, die mit einer Sehne verbunden waren. Die Drehung der seitlichen Sehnenbündel erzeugte eine Vorspannung. Danach wurde die Bogensehne zurückgezogen und der Bolzen (oder kleine Steinkugeln) in die sogenannte Läuferschiene eingelegt.  Der so abgeschossene Bogen hatte eine wirkungsvolle Reichweite von bis zu 500 Metern. Eine Schwierigkeit stellte das Vorspannen dar, da beide Sehnenbündel exakt gleichmäßig gespannt werden mussten, wobei man die korrekte Spannung am Klang beim Anschlagen der Sehnen erkannte.

 

Springolfe sind seit dem frühen 14. Jahrhundert für ganz Westeuropa belegt und fanden sowohl mobil im Heer als auch stationär bei der Verteidigung von Städten ihren Einsatz. Sie waren im Vergleich zu den Wallarmbrüsten besser, was Reichweite und Zielgenauigkeit betraf, allerdings auch witterungsanfälliger als diese.[lxxvi]

 

Im Gegensatz dazu handelte es sich bei den Wurfmaschinen um große Katapulte, die auf der Basis von Torsion und Tension wirken.[lxxvii]

 

Die Blide - eine massive Balkenkonstruktion mit zweiarmigem Wurfhebel - wird als die wirkungsvollste schwere Waffe bezeichnet, die das Mittelalter auf dem Belagerungsfeld aufzubieten hatte. Hier kam das Hebelgesetz zur Anwendung: Am Ende des einen Wurfarms befand sich eine Schlinge, in die das Geschoß (Steinbrocken, Brand- und Fäkalienfässer, aber auch Tierleichen) gelegt wurde,[lxxviii] wobei große Bliden Gewichte von bis zu einer Tonne bis zu einhundert Meter weit schleudern konnten.

Auf der anderen Seite  wurden Seile befestigt. Zum Abschuss wurde kräftig an diesen gezogen, wodurch das Geschoss auf der anderen Seite weggeschleudert und stark beschleunigt wurde. Später wurde die Muskelkraft der Männer durch die Integration eines Gegengewichtes ersetzt. [lxxix]

Ab dem 15. Jahrhundert konnte die Schlinge der Blide beliebig verlängert oder verkürzt werden – somit konnte man die Wurfweite variieren, ohne das Gegengewicht oder Größe und Gewicht des Geschosses zu verändern.[lxxx]

 

Die Mange ging auf den antiken Onager zurück, mit dem sie allerdings nur noch das Torsionsprinzip gemeinsam hatte. Die Konstruktion und damit die Wirkungsweise war entscheidend verbessert worden. Es handelte sich um ein einarmiges Wurfgeschütz. Der Wurfarm lag dabei in einer hölzernen Rahmenkonstruktion, auf der auch ein Querbalken mit Polsterkissen zum Abfangen des Wurfarms montiert war.  Das Geschoss wurde in das löffelförmige Ende des Wurfarmes gelegt, der im entspannten Zustand fast senkrecht stand und dann mittels einer Winde bis in die Horizontale gezogen wurde. Ihre größte Wirkung entfaltete die Mange für Geschosse von 30 Kilogramm bei einer Distanz von 400 Metern.  Die Mange war auch deshalb ein gefürchtetes Belagerungsinstrument, da sie leicht vor Ort zusammengezimmert werden konnte: So konnten schnell hundert Mangen zusammenkommen, die dann in einem fort ihre Geschossen warfen. Zwar flogen diese Geschosse nicht sonderlich schnell, doch konnten sie schon allein durch ihr Gewicht einen beträchtlichen Schaden anrichten. [lxxxi]

 

Die verschiedenen Kriegsmaschinen, die zur Erstürmung befestigter Plätze dienten, wurden auch mit dem Begriff ‚Antwerk’ oder ‚Zeug’ bezeichnet.  Zu ihnen zählen unter anderem der Belagerungsturm und die ‚Katze’.

 

Bei der sogenannten ‚Schildkröte’ oder ‚Katze’ handelte es sich um eine fahrbare Schutzhülle, die die Kämpfer bei verschiedenen Tätigkeiten, etwa beim Anlegen von Gräben oder Fahrwegen für Belagerungstürme, schützte und Geräte – zum Beispiel einen Rammbock – vor den Blicken des Feindes versteckte.[lxxxii]

 

Ebenfalls für Schutz und Deckung wurde die Ribalde eingesetzt, ein kleiner zweirädriger Karren, der mit Spießen (zum Teil auch mit kleinen Geschützen) und einem Schutzschirm ausgestattet war. Ribalden wurden auch dazu benutzt, die Stellung von Schützen in der Schlacht bis zur letzten Sekunde vor dem Feind geheim zu halten.[lxxxiii]

 

Der Belagerungsturm war – wie so vieles – durch die Kreuzzüge in Westeuropa bekannt geworden. Es handelte sich um einen fahrbaren, mehrstöckigen Holzturm, dessen Höhe durch die zu erobernde Mauer bestimmt war. Auf der oberen Plattform war eine Fallbrücke angebracht, über die die Belagerer auf den gegnerischen Wall gelangen konnten.

 

Die Sturmleiter war die einzige Neuentwicklung des Mittelalters im Bereich des Antwerks (alle anderen Geräte waren seit der Antike überliefert). Es handelte sich meist um hölzerne Leitern, die entweder zusammensteckbar waren oder einer Art Strickleiter mit ledernen Schnallen ähnelten. Sie waren an einem Ende mit großen Eisenhaken versehen, mit denen sich die Leiter an der gegnerischen Mauer festgehakt wurde.

 

Der Gegner versuchte natürlich, diesen Angriffen auf alle möglichen Arten standzuhalten, zum Beispiel durch Verwendung von Sturmhaken: Hierbei handelte es sich um Balken mit einer gebogenen Eisenspitze, mit der man Belagerungsmaschinen fassen, anheben und umstürzen konnte.[lxxxiv]

 

Eine wichtige Neuerung brachte das Schwarzpulver – eine Mischung aus Holzkohle, Salpeter und Schwefel - , das zunehmend in Handfeuerwaffen und Geschützen (Mörser) verwendet wurde.[lxxxv]

Die Entwicklung der Feuerwaffen wird von vielen Forschern als die tiefgreifendste und bedeutendste Innovation im Waffenwesen angesehen. 1326/27 lässt sich die Verwendung der neuen Technik erstmals für Italien und England nachweisen. In Frankreich wird sie 1338 zum ersten Mal erwähnt.[lxxxvi] 100 Jahre später gab es eine gewaltige Artillerie, die in der Zukunft eine dominierende Rolle spielen würde. [lxxxvii]

 

Die ersten Büchsen des 14. Jahrhunderts waren aus Schmiedeeisen. Ihre Größe variierte von der kleinen Handbüchse (0,5-3cm Rohrdurchmesser) bis zur großen zweiteiligen Steinbüchse, die Steinkugeln von etwa 12cm bis hin zu 80cm verschoss. Je nach Größe unterschied man um 1400 leichte, mittlere und schwere Steinbüchsen sowie Riesengeschütze. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts begann man auch Büchsen aus Bronze zu gießen, wobei schmiedeeiserne und bronzene Geschütze bis ins 15. Jahrhundert gleichberechtigt nebeneinander standen. Keine bislang gekannte Waffe konnte sich an Durchschlagkraft mit der Steinbüchse messen. Um diese Wirkung zu erreichen, musste allerdings beim Ladevorgang sehr akkurat vorgegangen werden. 60% des Rohres wurden mit Pulver gefüllt und die Kugel eingelegt, ca. 20% des Rohrs blieben frei. Das ganze wurde mit nassem Schlamm abgedichtet.[lxxxviii] Die großen Mauerbrecher hatten demzufolge auch nur eine Feuergeschwindigkeit von zwei oder drei Schuss pro Tag und waren zudem noch sehr schlecht zu transportieren. Die Engländer zeigten sich im Bereich der Feuerwaffen als sehr innovativ, so geht die Technik des ‚corning’ auf sie zurück: Sie mischten die Zutaten ihres Schießpulvers naß miteinander und ließen das ganze trocknen. Dies hatte den Vorteil, dass die einzelnen Bestandteile sich während des Transportes nicht voneinander abspalteten. Außerdem sagte man diesem Pulver eine dreimal höhere Durchschlagskraft nach. Dadurch brauchte man bei der Herstellung weniger Salpeter, das Pulver wurde billiger.[lxxxix] Aber auch die Franzosen erkannten schnell die Bedeutung der Feuerwaffen, 1442 wurde unter Jean und Gaspard Bureau doppelt so viel Geld in den Ausbau der Artillerie als in alles übrige Kriegsmaterial gesteckt.[xc] Abbildungen beweisen, dass die Geschütze zunächst vornehmlich dazu genutzt wurden, in eine Stadt zu feuern und die in ihr befindlichen Häuser zu zerstören, weniger um die Stadtmauern einzureißen.[xci] Erst in den 1420er Jahren mussten mehrere belagerte Städte aufgeben, weil sie nicht mehr zu verteidigen waren (Le Mans, Sainte-Suzanne, Mayenne-la-Juhez u.a.). Übliches Mittel zur Einnahme einer Stadt blieb allerdings auch weiterhin das Aushungern.[xcii] Im 15. Jahrhundert wurden leichtere Geschütze, wie etwa die Bleikugeln verschießenden Tarrasabüchsen, auch in der offenen Schlacht eingesetzt,[xciii] doch sie blieben ohne entscheidende militärische Bedeutung, obwohl die letzte Schlacht des Hundertjährigen Krieges 1452 bei Castillon als erster Sieg der Artillerie in einer Feldschlacht gefeiert wird.[xciv] Die Nachteile im Einsatz – die Notwendigkeit einer trockenen Lagerung des Pulvers, die permanente Gefährdung des Schützen, die geringe Zielgenauigkeit – waren wohl doch zu groß, als das sie die Vorteile der geringen Produktionskosten und der einfach zu erlernenden Handhabung hätten aufwiegen können.[xcv]

 

Handfeuerwaffen werden erstmals 1364 in Oberitalien erwähnt. Sie ähnelten den leichten Geschützen und waren auf einen hölzernen Schaft montiert. Der Schütze klemmte diese Stange entweder unter seinen Arm oder setzte sie auf den Boden auf. Man unterschied zwischen kleinen Handbüchsen (50cm lang, 1-1,5cm Kaliber) und den schwereren Hakenbüchsen mit einem Kaliber von bis zu 2,7cm und einer Länge von bis zu einem Meter. Letztere wurden nur stationär eingesetzt. An ihrer Unterseite war ein Haken angebracht, der - auf eine Mauer aufgesetzt - den Rückstoß abfing. [xcvi]

 

Der Gebrauch von Feuerwaffen führte zunächst nicht zur Ausbildung eigener Berufsbilder. Die wenigen Geschütze wurden von Schmieden oder Glockengiessern hergestellt. Erst mit der steigenden Nachfrage in der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts durch die Ausbildung der Artillerie bildeten sich eigene Produktionsstätten heraus. Europäische Zentren waren unter anderem London, Lyon, Malaga und vor allem die oberitalienischen Städte.[xcvii]

 


Fußnoten:

[i] Nicolle, David: French Armies of the Hundred Years War. Oxford 2000 (Osprey Military, Men-at-arms Series 337), S. 43 [ii] Knight, Paul: Henry V. and the Conquest of France. Oxford 1998 (Osprey Military, Men-at-arms Series 317) , S. 46 [iii] Lexikon des Mittelalters. Hg.v. Robert-Henri Bautier u.a. Band 8. München 1997,  S. 1893 [iv] Schmidtchen, Volker: Kriegswesen im späten Mittelalter. Technik, Taktik, Theorie. Weinheim 1990, S. 128 [v] Lehnart, Ulrich: Kleidung und Waffen der Früh- und Hochgotik 1150-1320. Wald-Michelbach 1998, S. 82 [vi] Lexikon des Mittelalters, S. 1895

[vii] Kühnel, Harry: Bildwörterbuch der Kleidung und Rüstung. Stuttgart 1992, S. 199 [viii] Lexikon des Mittelalters S. 1894 [ix] Kühnel, S. 156 [x] ebd., S. 101 [xi] ebd. [xii] Schmidtchen, S. 143 [xiii] ebd., S. 304 [xiv] Kühnel, S. 101 [xv] ebd., S. 268 [xvi] ebd. , S. 102 [xvii] ebd. , S. 101 [xviii] Nicolle, S. 12 [xix] Kühnel, S. 16/7 [xx] ebd.,  S. 28 [xxi] Schmidtchen, S. 146 [xxii] Knight, S. 18 [xxiii] Schmidtchen, S. 44 [xxiv] Knight, S. 21 [xxv] Nicolles, S. 11 [xxvi] Knight, S. 14 [xxvii] Kühnel, S. 37/8 [xxviii] Schmidtchen, S. 173 [xxix] Lexikon des Mittelalters, S. 1897 [xxx] Kühnel, S. 101 [xxxi] ebd., S. 27 [xxxii] Knight, S. 12 [xxxiii] ebd., S. 12 [xxxiv] Kühnel, S. 107-111 [xxxv] ebd., S. 91 [xxxvi] ebd., S. 27 [xxxvii] Lexikon des Mittelalters, S. 1895 [xxxviii] Kühnel, S. 69 [xxxix] ebd., S. 226/7 [xl] Knight, S. 15

[xli] Lexikon des Mittelalters, S. 1893 [xlii] ebd., S. 1893 [xliii] Schmidtchen, S. 130 [xliv] ebd., S. 131 [xlv] ebd., S. 181 [xlvi] Rosenfeld, Hans-Friedrich und Hellmut: Deutsche Kultur im Spätmittelalter. Wiesbaden 1978, S. 17 [xlvii] Schmidtchen, S. 131 [xlviii] Knight, S. 15 [xlix] Schmidtchen, S. 133 [l] ebd., S. 132 [li] ebd., S. 173 [lii] ebd., S. 181 [liii] Knight, S. 15 [liv] Knight, S. 14 [lv] Schmidtchen, S. 181; Rosenfeld, S. 17 [lvi] Lexikon des Mittelalters, S. 1895 [lvii] ebd. [lviii] Schmidtchen, S. 181/2 [lix] Knight, S. 15 [lx] Schmidtchen, S. 166-173 [lxi] ebd., S. 174 [lxii] ebd., S. 179 [lxiii] ebd., S. 174-176

[lxiv] ebd., S. 179 [lxv] Nicolle, S. 16 [lxvi] Rosenfeld, S. 17 [lxvii] Schmidtchen, S. 177 [lxviii] Rosenfeld, S. 17 [lxix] Schmidtchen, S. 183 [lxx] ebd., S. 188/9 [lxxi] ebd., S. 190 [lxxii] ebd., S. 173 [lxxiii] ebd., S. 191-193 [lxxiv] Lexikon des Mittelalters, S. 1895 [lxxv] Schmidtchen S. 179 [lxxvi] ebd., S. 153/4 [lxxvii] ebd., S. 129 [lxxviii] ebd., S. 133 [lxxix] ebd., S. 162 [lxxx] ebd., S. 136 [lxxxi] ebd., S. 157-159 [lxxxii] ebd., S. 129 [lxxxiii] ebd., S. 129 [lxxxiv] ebd., S. 129 [lxxxv] Rosenfelder, S. 120 [lxxxvi] Nicolle, S. 16 [lxxxvii] Lexikon des Mittelalters S. 1895 [lxxxviii] Knight, S. 43 [lxxxix] ebd., S. 44

[xc] ebd., S. 44 [xci] ebd., S. 41 [xcii] ebd., S. 42  [xciii] Schmidtchen, S. 194-203 [xciv] ebd., S. 205 [xcv] ebd., S. 208 [xcvi] ebd., S. 206/7 [xcvii] Lexikon des Mittelalters S. 1898

 

(erstellt von Tanja Karmann, Dipl. Kult.wiss.)

             

    

 

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